Dieser Ärger

 

Lieber Lubin,

 

in letzter Zeit ging es in Deinen Briefen oft um das Thema „Ärger“ oder auch in Deinen kurzen Bemerkungen am Telefon.
Mir kam dazu etwas in den Sinn, ob Ärger und Enttäuschung dasselbe sind und ob Ärger aus Enttäuschung resultiert. Nein, sie sind es nicht! Im Ärger ist kein Platz dafür, kein Platz mehr für Wahrnehmung, obwohl man ihn durchaus auch wahrnehmen kann, ohne dass er einen aus seinem Zentrum reißt und von ihm geritten wird. Doch das findet eher selten statt, denn dazu gehört ein hoher Grad an Bewusstheit. Es findet meist nur Reaktion statt aufgrund der Berührung mit gespeicherten Glaubenssätzen, die sich manifestiert haben. 
Im Zustand von Ärger ist man außer sich, losgelöst von seinem Zentrum, also von seiner Wurzel bzw. eingefangen worden von diesen festgesetzten Gedankenstrukturen.

So sehe ich das auch nicht so, dass durch oder bei Ärger Kreativität möglich ist. Überhaupt nicht! Es ist ein Zustand, der blockiert, weil man sich verletzt fühlt, die z.B. Gemeinheit des anderen (dessen Verhalten als solches empfunden wird),  ich will mal sagen, abbekommen hat, weil man nicht geschützt war durch ein Bewusstsein seiner selbst, selbst nicht in seiner göttlichen Präsens vorhanden war und dadurch in Resonanz mit dem Ärger des anderen oder der Situation ging. Zweimal Ärger verdoppelt nicht nur den Ärger, sondern kann zu einer Explosion führen, die Ärger wachsen und gedeihen lässt bis er zum Selbstläufer wird.
Alles, was gefüttert wird, wächst entsprechend.

Natürlich kann da auch etwas ausgedrückt werden, doch Ausdruck ist nicht grundsätzlich Kreativität, genauso wenig, wie man sagen kann, dass man nach dem Gang zur Toilette, etwas Kreatives vollbracht hat. Oder vielleicht doch? :-)
Bei einer Enttäuschung  hat man lediglich zuvor etwas anderes gesehen, als es tatsächlich ist, beim näher herantreten.
Wenn das aus der Ferne Betrachtete mit einer großen Erwartung und Fixierung zur Vervollkommnung seiner selbst verbunden war und das Ziel, dem näher zu kommen, der Verwirklichung des Bildes war, kann Ärger die Folge sein, wenn man dann von dem „Bild“ vielleicht noch angespuckt wird oder es sich ganz anders verhält, als die große Erwartung war. Erwartung ist ein starrer Zustand, in dem nichts fließt,  weil die Veränderung nicht zugelassen werden will oder unberechenbare Möglichkeiten,  weil man sich selbst nicht als fließendes Wesen  erlebt. Das Geschehen des Augenblickes wird überhaupt nicht erlebt. Da ist alles von Ärger überschattet, wenn die Erwartung nicht erfüllt wird oder Unerwartetes einen trifft, das ebenfalls nicht zu der gelebten und gewünschten Rolle, die man ausdrücken möchte, passt.
Enttäuschung geht mit großen Frieden einher und mit Klarheit. Da kann  Ärger nicht entstehen und nicht gedeihen. Ärger kann nur entstehen, wenn die Vergiftung bereits vorher latent vorhanden war und Gift kann sich ausbreiten, wenn es nicht im Keim entfernt wird, bzw. das Vorhandensein  nicht erkannt wird.
Es ist Dummheit, Ärger zu provozieren, auch wenn er  der Verschleierung des eingenen Ärgers dient, den man über etwas in sich trägt bzw. der Verschleierung von Unwissenheit und Unsicherheit.

Da im Menschen, entsprechend seiner Bewusstseinsebene von der aus er erlebt oder in der er lebt und wahrnimmt, alles vorhanden sein kann, ist es gefährlich mit bestimmten Möglichkeiten zu spielen, solange man selbst diese Muster, die Ärger auslösen, noch in sich trägt.
Sowas dürfte sich höchstens ein erleuchteter Meister erlauben, der weiß, was er tut und der würde es nicht tun.

Was passieren kann, sahen wir deutlich in dem Film: „Das Experiment“, indem Studenten in Gruppen aufgeteilt wurden von Gefangenen und Gefängniswärtern und wie sie in ihren Rollen aufblühten, unabhängig davon, welche Rolle ihnen zugewiesen wurde,  bis hin zum Studienleiter, der als Gefängnisdirektor fungierte und selbst von der Rolle gefangen wurde und diese genoss. Hier hatte nicht mal mehr Ärger Platz.
Es war nichts mit Ärger im Spiel, aber trotzdem vergleichbar, insofern man betrachtet, dass alles provoziert werden kann. Man braucht nur ein gewünschtes Ergebnis in sich tragen und gezielt daraufhin arbeiten und man wird es bekommen, weil man beginnt, alles andere dabei auszublenden, was noch da ist oder überhaupt da ist. Das Schlüsselloch durch das man schaut, wird immer kleiner, bis man nur noch sieht, was man zu sehen wünscht. 
Man lebt  dabei selbst nicht im Bewusstsein von Wahrheit, Weite und Frieden, sondern von Zwang, Enge und  etwas erreichen wollen oder hat sich einfach in dem Spiel „Mensch ärgere Dich nicht“ gefangen nehmen lassen. Man lässt sich selbst von Umständen einfangen und erschlagen, um sich selbst nicht zu spüren.

Ärger ist ein Aspekt, eine Emotion von vielen. Man ist noch Individuum und lediglich noch abhängig in seinen Gefühlen vom Verhalten anderer. Man hat noch das Gefühl, der andere kann mir schaden, hat mir geschadet, dass er schuld an meinem Zustand ist. Zusammenhänge sind nicht sichtbar.
Ärger entsteht im Menschen, wenn jemand versucht, das Bild, das er von sich hat, zu zerstören, auch wenn es unbewusst geschieht.  Doch das Selbstbild spielt auch nur eine Rolle, solange er sich  nicht aus der Verbindung mit seinem Herzen mit seiner Seele lebt. Selbstbilder entspringen dem Verstand mit seinen Festlegungen. Die Projektion spielt noch eine große Rolle.

Bei der Enttäuschung dagegen, wie gesagt, verändert sich lediglich das Bild, man selbst bleibt, weil man mit keinem Bild identifiziert ist. Seine Existenz hängt weder an einem Bild, noch an einer Rolle, noch an einer Stellung, noch an einem selbst.
So geht Enttäuschung mit einer großen Befriedigung einher und Frieden breitet sich aus, darüber etwas erkannt zu haben, von dem aus der Ferne ein verschwommenes Bild vorhanden war. Es geht mit unmittelbarer Erkenntnis einher. Es kann sogar etwas Trauer entstehen, weil es mit Abschied verbunden ist.
Es ist vielleicht ein bisschen vergleichbar mit einem Bergsteiger, der unten im Tal steht und von unten nach oben schaut und die schönsten Gebilde im Licht der Sonne schimmern sieht und will nun diesen Berg hinauf, um diese Gebilde zu sehen und macht sich auf den Weg. Er macht sich aber nicht nur des Zieles wegen auf den Weg, sondern, weil er das Klettern und Wandern liebt, weil es seinem Wesen entspringt, das zu Tun, was er tut.  Er liebt es, Wege zu gehen und auf diesen Entdeckungen zu machen, doch sein Blick fällt dabei trotzdem immer wieder auf die Gebilde am Gipfel des Berges. Er kommt dem näher und näher und die Bilder werden klarer. Irgendwann kommt er oben an. -  Und dann? - Er lacht! Er lacht über die Täuschung, die er in sich trug und auch über die Möglichkeit und Fähigkeit der Wandlung der Dinge, je näher man an sie herantritt. Er ist enttäuscht, doch Ärger ist nicht da, weil er ja nur neugierig war und keine Erwartungen an die Bilder hatte, diese ihn nicht vervollkommnen sollten, nicht schöner machen sollten, nicht auf eine bestimmte Art auf ihn reagieren sollten. Er war zu keinem Zeitpunkt mit den Bildern identifiziert und so spürte er auch keinen Verlust an sich selbst.  Es war ein zwangloses Erreichen des Zieles und alles war anders und nur großer Frieden machte sich über das Erleben  breit und Staunen. Was er erlebte übertraf den Bildern, die er zuvor sah. Alles war so simpel und einfach, wie es nie schien und er fühlte sich darin wohl. Die Bergsteiger mögen mir jetzt verzeihen,  denn der Vergleich ist sicher nicht der günstigste, da der Bergsteiger da oben nicht lacht, sondern eher entzückt ist und blüht aufgrund seines Erfolges auf. Doch, ich denke, es kann trotzdem verständlich sein. 

Osho sagte an einer Stelle, die ich mal in einem Buch las, dass die Psychologie verschwinden wird, weil sie nichts taugt und Meditation wird an ihre Stelle treten.
Wahrheit und Leben ist nur im Zustand von Meditation erlebbar und je tiefer wir in uns eindringen und damit in die Existenz, in das Wesen der Dinge, des großen Zusammenhanges von allem Geschehen, desto mehr entfällt das Bedürfnis und Streben, etwas anderes kennenlernen zu müssen. Wir beginnen einfach mehr uns daran zu erfreuen oder nicht zu erfreuen an dem, was ist und lassen im jeweiligen Augenblick das Geschehen und uns selbst vollumfänglich zu. Darin wird Ärger nicht möglich sein, weil Ärger Gedanken braucht mit denen sich identifiziert wird. 
Fernab von Gedankenverstrickungen, erleben wir, dass alles Leben Streben ist und wir in diesem Fluss eingebettet sind und indem wir mit der Strömung fließen am schnellsten das Meer erreichen, unsere Kräfte schonen und dabei erleben, erkennen und genießen können. Je mehr wir durch Gedankengebilde, die im Verstand festsitzen versuchen gegen die Strömung zu schwimmen, erlahmen  unsere Kräfte, wir können nicht genießen und das Geschehen erfassen und nichts sehen und wir kommen später im Meer an, wenn wir nicht vorher ertrunken sind.

Liebe ist der Bewusstseinszustand, wo alles sein darf und nichts gefürchtet wird und „Ärger“ nichts weiter ist, als ein Klecks auf der Leinwand, der versehentlich dahin geraten ist, der aber nur dann Ärger stiftet, wenn man zuvor an einem Bild festgehalten hat. Der Klecks auf einer weißen Leinwand dagegen, ist eher wie ein Geschenk und dient der Inspiration, was man so aus einem Klecks machen könnte.
Lieber Lubin, nochmals Danke, denn keine Briefe und Texte, auch von noch so Hochgelehrten und Geistreichen, die ich sehr schätze, haben mich so inspiriert wie die Deinen. 
Vielleicht einfach, weil ich gerade bei den Deinen immer von einem inneren Lächeln, einer inneren Freude begleitet bin und mich von Liebe durchströmt fühle. Das begann mit dem Lesen Deinen ersten Briefes und ist geblieben, selbst wenn ich zum X. Mal den gleichen Brief von Dir lese.
Ich habe dabei noch nie gedacht – immer dasselbe – nein, es ist immer neu!

 

In diesem Sinne
Freude für Dich
Malina

 

 

Das Bühnenbild

 

Das Bühnenbild verändert sich
In jedem Augenblick.
Der eine tritt hervor
Und der andere zurück.

 

Genieße das Stück
Als Spieler
Und sei gleichzeitig
Der  Zuschauer,
Der sich gelassen lehnt zurück.
























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