Das Ding

 

Lieber Georg,


Du schreibst von Deinem Bekannten mit dem Du schon zusammen in die Schule gegangen bist, der in der Pathologie arbeitet und täglich Leichen auseinandernimmt. Das Sezieren wäre ihm in Fleisch und Blut übergegangen.
Er hätte schon als Kind gerne kleine Tiere getötet, um sie dann aufzuschneiden und zu schauen, was drin ist. Du erinnerst Dich mit einem Gefühl des Ekels und der Abscheu daran.

Trotzdem hat das Leben euch nie ganz auseinander geführt, weil ihr nach wie vor beide in der gleichen Stadt lebt und es trotz sehr starker Unterschiedlichkeit im Wesen eine gewachsene Verbindung gibt und damit trotz allem, Vertrautheit zwischen euch besteht.
Du hast das Gefühl, er wäre krank. Er freut sich eher an einem toten Tier, das ihr bei einem Spaziergang entdeckt mehr, als an einem lebendigen, das munter durch den Wald springt.
Immer wieder versucht er ebenfalls Deine Aufmerksamkeit auf das Tote oder auf irgendwelchen Müll der irgendwo herumliegt, zu lenken. Du fühlst Dich nach einem Spaziergang mit ihm nie erfrischt und wohl, sondern deprimiert und niedergeschlagen. Wenn Du sagst, dass Dich das nervt, wirft er Dir vor,
Du würdest Deine Augen vor der Realität verschließen. Die Welt wäre nun mal schlecht.
Seine Wohnung strahlt keine Wärme aus. Du würdest ihm gerne helfen, doch Du merkst, dass Du Dich damit im Grunde überfordert fühlst und Deine eigene Stimmung davon negativ betroffen wird.
Er würde auch keine Beere essen, die nicht vorher abgewaschen wurde. Davor ekelt er sich mehr als vor einem toten Frosch, der auf dem Weg liegt.
Also bei einem Waldspaziergang einfach ein bisschen naschen, das gibt es nicht. Außerdem hat er sowieso keinen Blick dafür. Kürzlich standet ihr gemeinsam vor einem idyllischen stillen Teich und Du fandest es wunderschön.  Plötzlich bückt er sich, nimmt eine Handvoll Steine und Sand und wirfst sie in den Teich. Du warst sehr erschrocken. Es war auch der Moment, wo Du Dich entschlossen hast, Dich von ihm zu distanzieren und inzwischen hast Du ja auch den Kontakt weitgehend abgebrochen, doch fragst Dich gleichzeitig, ob das nun richtig ist oder ob Du hättest bleiben sollen, ob das nicht eine Art Flucht ist.
Doch ich kann Dir versichern, Flucht hin, Flucht her. Das ist völlig egal, doch es ist richtig , dass Du Dich von solch schrägen Spielchen distanziert hast. Du hilfst Deinem Bekannten nicht, wenn Du sein Verhalten erträgst, obwohl Du spürst, dass es ein entartetes und krankhaftes Verhalten ist.
Menschen, die die Welt schöner machen, sind die, die vor einem stillen klaren Teich oder See stehen und einfach diese Harmonie und Schönheit in sich fließen lassen oder die, die vor einem Vulkan stehen und die Kraft der Natur bewundern und sich von ihr berühren lassen.
Es sind nicht die, die in den See Steine und Schmutz werfen, um absichtsvoll die Harmonie zu stören wie Du es erlebt hast und wenn dann das klare und reine, Harmonie spendende Bild nicht mehr sichtbar ist, dann sagen sie „Schau, ich wusste doch, dass auch dieser See nicht rein ist und die Fische, die darin schwimmen auch nicht so friedlich; „Schau nur, wie wild sie plötzlich schwimmen. Nicht mehr so friedlich wie vorhin.“

Den Vulkan verurteilen sie als unberechenbar und gefährlich. Nur sich selbst finden sie nicht gefährlich.
Sie wissen nicht, in welchen Gewässern sie selbst baden und nichts von dem Vulkan, der in ihnen selber tobt.
Das Gefährliche ist nicht das, was da ist, sondern das, was entstehen kann durch unreine Gedanken und Verhaltensweisen.
Der Mensch hat die Fähigkeit zum Guten und zum Bösen. Der dem Guten und Schönem zugewandte Mensch, wird immer bestrebt sein, das Gute zu nähren und zu düngen, damit es wachsen und gedeihen kann.
So entsteht auch eine allmähliche Transformation des Bösen und Hässlichen hin zum Guten und Schönen.

Der dem Bösen zugewandte Mensch, wird immer das Böse und Hässliche nähren wollen. Das macht ihm sein Leben erträglich. Damit hält er sein eigenes Inneres aus, das vielleicht irgendwann viel Hässliches erfahren musste und ihn dazu geführt hat, dem sichtbar Schönen und Guten nicht mehr zu vertrauen. Er behandelt es solange hässlich, bis sich seine innere Einstellung für ihn bestätigt anfühlt.
Du bist nicht für ihn verantwortlich und Du tust euch beiden nichts Gutes, wenn Du Dich nicht dem zuwendest, das Dir guttut. Weißt Du, das größte Problem ist, wenn ein Mensch, der über eine große Verstandesintelligenz verfügt, dem Bösen zugewandt ist. Der Verstand kann gut und böse, schön und hässlich nicht unterscheiden. Er ordnet nur zu entsprechend, was er gespeichert hat. Das wahre Unterscheidungsvermögen entspringt dem Herzen, der Herzensintelligenz. Ein Mensch, dessen Verbindung zum eigenen Herzen unterbrochen ist, ist sehr leicht zu manipulieren und gerade solch Superhirne wirken sich letztendlich sehr dramatisch auf die gesamte gesellschaftliche Entwicklung aus. Der nicht so intelligente Mensch, doch mit viel Herzenswärme ausgestattete, kann durch solche Menschen in einen wahren Teufelskreis gelangen. Sie sind clever und mental unschlagbar. Sie sind trainiert , selbstmanipuliert und von ihren wahren Herzensgefühlen abgeklemmt. Ihre Abwehrmechanismen funktionieren perfekt. Sie handeln grundsätzlich aus Berechnungen des Verstandes heraus. Sie leben dafür, nicht ihre wahren eigenen Gefühle spüren zu müssen. Sie verachten das Lebendige und Spontane, das nicht Berechenbare, das ihnen nicht Hörige, das, was sie nicht in ihre Gewalt und Herrschaft bekommen können. Sie leben in Angst, trotz brillianten Verstand, denn der Verstand wird sie nicht in das Gefühl der Sicherheit führen können und so bleibt die Unrast bestehen, die sie treibt alles was sich bewegt, unter Kontrollen zu bringen.
Das Lebendige soll getötet werden, damit sie nur ein Ding vor sich haben. Mit Dingern umzugehen, fällt ihnen leicht. Diese können sie benutzen nach ihrem Willen. Ein Ding hat keinen Eigenwillen mehr. Der Verstand reicht nicht aus, um eigene Entscheidungen zu treffen und die Herzensverbindung wurde abgetötet.
Natürlich ist nicht jeder Pathologe so wie der Bekannte von Dir, doch wir leben in einer Gesellschaft, die krank ist.
Das Lebendige und Spontane wird abgetötet. Die Leiche kann einem nichts mehr tun, man kann damit machen, was man will. Also muss das Lebendige getötet werden und willenlose Maschinen geschaffen werden, die man nach seinem Willen bedienen kann und die so reagieren, wie man selber will.

Man kann sie jederzeit einstellen und wieder abstellen und jederzeit entsorgen. Lieber Georg, bleibe ihm im Herzen in Liebe zugewandt und hilf ihm durch Deine Liebe, indem Du Dich dem zuwendest, wo die Liebe für Dich erfahrbar ist, wo Du Deine Liebe spürst.
Lass ihn von Deiner Liebe, die in Deinem Herzen für ihn ist und seinem Herzen gilt, jedoch nicht seinen krankhaften Verhalten und Auswüchsen, wissen. Du weißt, dass er auch viel Gutes hervorgebracht hat, doch leider sich selbst mit seinen krankhaften Anteilen immer wieder zerstört hat.

Bleibe Du der Liebe treu.
Bleibe in Deinem Herzen und glaube mir, ein Spaziergang zum See oder wo auch immer alleine kann sehr beglückend sein.
Vielleicht gesellt sich ja auch mal eine Freu zu Dir, denn wie Du sagtest, würde Dir das sowieso mehr Spaß machen, als immer das unbefriedigende Männergeplauder zu hören.
Wenn sich jemand zufällig zu Dir gesellt, der so empfindet wie Du, dann verdoppelt sich nicht nur das Glück, sondern ihr werdet überschäumen in eurem Glück.

 

Herzlichst

Malina

 

PS: Pass auf Dich auf! Lass Dich nicht manipulieren,  weder von denen,
wo das Unrechte offensichtlich ist, noch von denen, die Anerkennung und einen hohen Status genießen und meinen, sie dienen dem Guten und das rechtfertigt ihr bösartiges Verhalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Die Stimmung, in die ein Freund uns versetzen kann, ist seine Herrschaft über uns.“   

                                  Pos.151

 

Ralph Waldo Emerson
"Geistige Gesetze"
Schwab Verlag

 

 

 

"In dem Benehmen einer verfeinerten und edlen Persönlichkeit liegt eine Anmut, die dem Auge

eines Bauern entgeht."

                         Pos.178

 

Ralph Waldo Emerson
"Geistige Gesetze"
Schwab Verlag

 

 

 

 

„Wir müssen die glatte Mittelmäßigkeit und schäbige Zufriedenheit der Zeit beleidigen und zurückweisen.“                                Pos.175

 

Ralph Waldo Emerson
"Geistige Gesetze"
Schwab Verlag

 

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